Startseite arrow >> Pressetexte arrow Otto Zsok, Sozialethische Dimensionen in Politik und Wirtschaft



Otto Zsok, Sozialethische Dimensionen in Politik und Wirtschaft

Rezension zu Otto Zsok, Sozialethische Dimensionen in Politik und Wirtschaft


Otto Zsok, Sozialethische Dimensionen in Politik und Wirtschaft
Eos Verlag, St. Ottilien 2008, 180 Seiten, € 14,80, ISBN 978-3-8306-7341-5

Wenn man der Meinung ist, der Mensch sei für seinen Mitmenschen ein Wolf (homo homini lupus), es herrsche also permanenter Überlebenskampf statt Kooperation, Aggression statt Resonanz und Gemeinsamkeit zwischen Ich und Du (communio), dann hat man - auf der Gesellschafts- und Wirtschaftsebene - den Menschen reduziert auf den homo oecomomicus, der nur seinen Nutzen, den eigenen Gewinn zu maximieren trachtet, oftmals oder in der Regel zu Lasten des/der anderen.

Der Mensch ist jedoch mehr als dies, er ist als homo ethicus und noeticus ein auf Freiheit und Verantwortung angelegtes, ein auf Sinn gerichtetes und vom Geistigen durchdrungenes Wesen, das ebenso im privaten wie im sozialen, gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Bereich ethische Prinzipien und geistige Gesetze nicht nur respektieren kann, sondern dies auch soll. Weil er überdies und wesentlich ein soziales Wesen (homo socialis) ist, ist er immer schon in eine Ich-Du-Wir-Relation eingebunden, womit die sozialethische Dimension menschlichen Lebens angesprochen ist, die wie ein Grundakkord und goldener Faden unser Buch durchklingt:

Da wir Menschen allesamt aufeinander angewiesen sind, niemand für sich alleine lebt und immerfort auf Erden ein Austausch der Güter stattfindet, da Leben stets ein Geben und Nehmen zugleich ist, die Menschheitsfamilie wie die fünf Finger in der Hand miteinander verbunden sind und (daher) harmonische Verbindung nicht nur gut, sondern auch sinnvoll ist, ist für ein gedeihliches Zusammenleben aller zuvorderst und erstrangig angesagt, soziale, persönliche, insbesondere sittliche Normen global zu realisieren, ein tieferes Gespür für Seele und Geist und Fairness (und nicht für Eigennutz und Übervorteilung) zu entwickeln und sich für Ehrlichkeit, Kooperation und gelebte Verantwortung aufzuraffen.

In vier Kapiteln spielt der Autor die Melodie der sozialethischen Dimension durch, die letztendlich eine spirituelle Erneuerung für die nahe und fernere Zukunft Europas sein muss, in der die einzelnen Länder nicht nur wach werden in ihrem Geist-Ich und in jedem Ich des anderen das eigene Ich erkennen, anerkennen, wertschätzen und respektieren, sondern in der die europäische Gesellschaft ebenso wie die Wirtschaftsgemeinschaft Europas zu einer Wertegemeinschaft mutiert.

Diese ist durchaus machbar, wenn man sich, wie im 1. Kapitel ("Bausteine zu einer europäischen Identität. Sinn- und Werteorientierung in der Politik") beschrieben, mit aller Ernsthaftigkeit auf die vier Wurzeln unserer europäischen Kultur besinnt: die griechische Kultur, das Römische Recht, der jüdische Monotheismus (dem der Arztphilosoph Viktor E. Frankl den sog. Monanthropismus zur Seite stellt als die Lehre von der einen Menschheit!) und das Ethos des Jesus von Nazareth, das die Liebe zur Macht umkehrt in die Macht der Liebe, also wegführt von kleinkarierter Machterhaltung und Egoerweiterung zum lebendigen Gesamtkontext des Ich-Du-Wir.
Werte und Wirklichkeiten wie Weisheit, Freiheit, Demokratie, Toleranz, Solidarität und Verantwortung haben in diesen Wurzeln ihre geistige Heimat.

Im 2. Kapitel ("Sinn-Kontexte in der Wirtschaft") soll im Leser das Bewusstsein sensibilisiert werden dafür, dass es nicht nur Bezüge und Verbindungen zwischen Wirtschaft und Sinn, Wirtschaft und Werten gibt, sondern dass Ökonomie und Ökologie, Wirtschaft und ethische Werte, Politik und Sinnorientierung, Geisteseinsicht und verstandesmäßige Analysen, spirituelle Haltung und nachhaltige ökonomische Handlung wesentlich zusammengehören bzw. zusammengebracht werden müssen, wenn wir nicht vermeiden wollen, "dass unsere Erde rein technokratischen – und das heißt auch: geistlosen - Fehlentwicklungen zum Opfer fällt" (S. 43).

Prinzip Verantwortung ist angesagt mit dem Appell, ethische Werte in Strategie und Kultur der Unternehmen (Gegenbeispiele: Siemens, VW etc.) zu verankern. Anhand 12 prägnanter Stichworte - übernommen von dem deutschen Lebenslehrer und Kunstmaler Joseph Anton Schneiderfranken Bo Yin Ra in "Das Gespenst der Freiheit", 1930) versucht der Autor, ein qualitativ verändertes Bild der Wirtschaft zu entwerfen und zu konkretisieren. Er überzeugt zutiefst, dass nur dadurch die Zukunft nicht nur Europas, sondern unserer Erde und seiner Bewohner "zumindest nicht mehr gefährdet" (S. 93) werde, "weil sie Ökologie und Spiritualität miteinander verbindet" (ebd.).

Das 3. Kapitel ("Zur Philosophie des Geldes") ist ein grandioser (!) Essay, der Geld nicht nur nicht stinken (pecunia non olet) lässt, sondern nachweist, wie sehr es geistigen Gesetzen gehorcht und eine Ausdrucksform geistiger Beziehung darstellt. Auf S. 102 wird in wenigen Kernsätzen das geistige Gesetz des Ausgleichs konkretisiert, des Ausgleichs im menschlichen "Gesamtorganismus" oder im lebendigen "Organismus" der Gesamtmenschheit. Jedenfalls kommt die wahre Bedeutung des Geldes durch seine Relation zu den Werten zum Vorschein. "Genau das ist das Anliegen einer Philosophie des Geldes, die Sinn und Geld, Glück und Geld, geistige Beziehung und Geld zusammenschauen will" (S. 103).

Geld in einen geistigen Kontext zu betten, ist wichtig, da gerade in unserer postmodernen Welt das Geld in alles und jedes, was der Mensch tut, eindringt und jeden Bereich des Lebens – die Sitten, die Suche nach neuen Märkten ebenso wie die Suche nach Wahrheit(en) und sogar nach Sinn - erfasst. Nach diesem Essay versteht man, dass eine (richtige) Philosophie des Geldes durchaus zu einer Rehumanisierung der Wirtschaft beizutragen vermöchte, was hieße, hier stünde einerseits der Mensch mit Seele und Geist (wieder) im Mittelpunkt und es würde andererseits eine solcherart rehumanisierte Wirtschaft die Beziehungen zwischen Ich-Du-Wir (wieder) erkennen, anerkennen und wertschätzen.

Das 4. Kapitel ("Jüngste Vergangenheit und nahe Zukunft Europas. Bewältigung der Vergangenheit Europas") verweigert sich zu Recht der Kollektivschuld an der Dämonie des Nationalsozialismus, aber auch dem Vergessen, und weiß durchaus von der zentralen Bedeutung des Holocausts für die Identität und das Gedächtnis Westeuropas. In diesen Zusammenhang baut der Autor sehr gekonnt noch einmal das Quartett der europäischen Grundwerte, die unsere Identität ausmachen, ein, nämlich die griechische Philosophie (1) mit ihrer Suche nach Wahrheit und Wahrheiten, das Römische Recht (2) mit dem sich durchhaltenden Gedanken von Recht und Gerechtigkeit, aber auch von Freiheit und Verantwortung, die (jüdische) Idee des Monotheismus (3), die im 20. Jhdt. die Idee des Monanthropismus zeugte als der Idee der Menschen, die allesamt Töchter und Söhne des einen "Gottes", der einen Transzendenz sind, und das Ethos Jesu (4), das über die Summe faktischer Normen des Handelns einzelner oder einer Gruppe oder einer Kultur hinaus dies Eine einfordert: "Wie dich selbst sollst du deinen Nächsten lieben und sogar bereit sein, dein Leben als Dienst denjenigen Mit-Menschen zur Verfügung zu stellen, die du liebst" (S. 165).

Dieses sehr lesenswerte, subtil und tiefschürfend, aber äußerst verständlich philosophierende Buch wünscht man sich in die Hände aller in Gesellschaft und Politik tätigen Einzelpersonen oder Gruppierungen - die wesentlichen Inhalte sollten sogar Eingang in die schulischen und universitären Lehrpläne finden, damit auf der Bewusstseinsebene der Ich-Du-Wir-Wirklichkeit die sozialethische Verantwortung nachhaltig wahrgenommen werde und hiermit berechtigte Hoffnung auf eine für alle ersprießliche Zukunft Europas garantiert sein könnte.

© Dr. Bernhard A. Grimm, Scheyern / Web: www.dr-bernhard-grimm.de

Autorenporträt:
Dr. Otto Zsok ist Institutsdirektor und fachlicher Leiter des Süddeutschen Institutes für Logotherapie, Dozent und Lehrtherapeut.
Einige seiner Veröffentlichungen:
- Logotherapie in Aktion, 2002
- Vom guten und vom bösen Menschen, 2002
- Der religiöse Urquell, 2001

Kontaktinformationen:
Süddeutsches Institut für Logotherapie GmbH
82256 Fürstenfeldbruck, Geschwister Scholl-Platz 8
Beitrag von Winfried Brumma für Dr. Bernhard A. Grimm



Geschrieben von Winfried Brumma ( presse [at] wbrnet.info )

Benutzer Bewertung: / 6
SchlechtSehr Gut 


PDF Drucken E-Mail

 
 
< zurück weiter >