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Vor- und Nachteile der mehrsprachigen Erziehung
Sie möchten Ihr Kind mehrsprachig erziehen und stellen sich nun die Frage, welche Möglichkeiten und Vorteile die Zwei- bzw. Mehrsprachigkeit im Vergleich zur Einsprachigkeit bietet und welche Nachteile und Probleme sie mitbringen kann.
In dieser Frage gibt es so unterschiedliche Auffassungen und Kontroversen, dass es wirklich sehr schwierig ist, sich auf eine allgemeingültige Antwort zu einigen. Deshalb ist es ratsam erst einmal darauf zu schauen, was die Forschung über die Zwei- bzw. Mehrsprachigkeit herausgefunden hat.

Forschungen im Bereich der Neurophysiologie haben in den letzten Jahren untersucht, wie unser Gehirn die Muttersprache im Vergleich zu gelernten Sprachen verarbeitet. Dabei ist man zur Erkenntnis gekommen, dass das Gehirn andere für die Beherrschung mehrerer Sprachen günstigere Strategien verwendet, wenn man zwei oder mehr Sprachen früh lernt, als wenn man nur einsprachig aufwächst.

Schon 1997 untersuchte Karl H. S. Kim an der amerikanischen Cornell University die Gehirnaktivität früher und später Bilingualer und fand heraus, dass die von Geburt an Zweisprachigen im Brocazentrum nur ein neuronales Netz aktivierten, während die Spätlerner für jede Sprache ein eigenes Netzwerk ausgebildet hatten.

Somit kann man sagen, dass das Alter beim Sprachenlernen eine wichtige Rolle spielt. Die magische Altersgrenze liege bei drei Jahren: Bis zu diesem Alter etwa entsteht im Broca-Areal das erste neuronale Sprachennetz. Werden zu diesem Zeitpunkt zwei oder mehrere Sprachen gleichzeitig erworben, speichert das Gehirn diese in demselben Sprachennetz ab.

Wird eine Sprache dagegen später erlernt, muss das Gehirn für diese ein neues neuronales Netzwerk anlegen. Cordula Nitsch und ihre Kollegen von der Baseler Forschungsgruppe "Mehrsprachigkeit im Gehirn" bestätigen die Untersuchungen von Kim und fanden heraus, dass die Bildung eines neuen Netzwerks mit erhöhten kognitiven Anstrengungen verbunden ist, bei dem das Sprachenlernen mehr über Regeln funktioniert, während das frühkindliche Netzwerk es ermöglicht die Sprache spielerisch und intuitiv zu erlernen.

Zweisprachige haben aber nicht nur den Vorteil, dass sie zwei Sprachen mühelos lernen können, sondern können laut der Baseler Forscher auch weitere Fremdsprachen leichter lernen als Einsprachige. Eine Untersuchung ergab, dass frühe bilinguale Kinder beim späteren Erlernen einer dritten Sprache nicht wie späte Bilinguale oder Lerner einer Zweitsprache ein zusätzliches Netzwerk bilden, sondern auf ihr erstes, zweisprachiges Netzwerk zurückgreifen, das in der frühen Kindheit angelegt wurde.

Das Gehirn muss bei frühen Bilingualen sogar beim Erlernen einer dritten Sprache kein neues Netzwerk erstellen. Ein frühkindliches Netzwerk kann sich auch dann bilden, wenn das Kind neben der Standardsprache noch mit einem Dialekt konfrontiert wird. Der Dialekt sollte sich dabei aber deutlich von der Standardsprache unterscheiden, wie z. B. das Schwäbische vom Hochdeutschen.

Um Zwei- und Mehrsprachigkeit zu fördern reicht es natürlich nicht aus, sich nur auf die neurophysiologischen Aspekte zu beschränken. Beim Spracherwerb spielen auch soziale Aspekte wie z. B. das Lebensumfeld, die Familie, die sozialen Kontakte, die individuellen Fähigkeiten des Kindes etc. eine wichtige Rolle.

Auch wenn neurophysiologisch bewiesen ist, dass der Mensch von Geburt an die Fähigkeiten hat, zwei oder mehr Sprachen zu lernen, heißt das noch lange nicht, dass dies bei jedem auch gleich gut funktioniert.

Weitere mögliche Vorteile der Zweisprachigkeit bzw. Mehrsprachigkeit können sein:

In einem zweisprachigen Elternhaus lernt das Kind in einer natürlichen Umgebung zwei Sprachen. Zweisprachige verfügen meist über weiter reichende und unterschiedliche Erfahrungen als Einsprachige, was mit ihrer Möglichkeit, sich in zwei Sprachen zu verständigen und sich möglicherweise in zwei unterschiedlichen Kulturen zu bewegen, zusammenhängt. Da zweisprachige Kinder zwischen zwei Sprachen hin und her wechseln können, wird ihr Denken flexibler.

Mehrsprachige Kinder können Gegenstände und Gedanken mit zwei oder mehr Wörtern beschreiben, was diesen Kindern ein flexibleres und kreativeres Denken ermöglicht als den einsprachigen.

Metalinguistische Fähigkeiten: Durch die Beherrschung zweier Sprachen sieht das Kind seine Sprache als ein spezielles System von vielen, erkennt, dass sie durch gewisse Regeln strukturiert ist, und entwickelt dadurch eine größere Aufmerksamkeit und Bewusstheit gegenüber sprachlichen Vorgängen.

Die Möglichkeit besser mit den Eltern, der Verwandtschaft, dem sozialen Umfeld, in dem sie leben, zu kommunizieren: Besonders die Fähigkeit mit den Großeltern in deren Muttersprache kommunizieren zu können wird als eine Art Respektsbekundung empfunden.

Zweisprachige können sich einer immer verbreiterten multikulturellen Wirklichkeit besser anpassen. Mehrsprachigkeit erweitert den Horizont und ermöglicht einen leichteren Zugang zu anderen Kulturen und eine größere Toleranz gegenüber Unterschieden.

Zwei- bzw. Mehrsprachige können verschiedene Deutungsmuster in Literatur, Traditionen, Ideen sowie Denk- und Verhaltensweisen anwenden.
Bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, da sie durch die Sprachenvielfalt mobiler werden und auch in anderen Ländern arbeiten können.


Mögliche Nachteile der Zweisprachigkeit bzw. Mehrsprachigkeit können sein:

Zu Beginn des Erlernens zweier oder mehr Sprachen kann es vorkommen, dass Kinder die beiden oder mehrere Sprachen vermischen. Viele Menschen meinen dazu, dass sie dann keine Sprachen richtig beherrschen würden. Mit fortschreitendem Alter können die Kinder die Sprachen jedoch trennen, vorausgesetzt es liegt keine Sprachstörung vor.

Bei gemischtsprachlichen Ehepaaren, bei denen der Vater die Sprache der Mutter nicht versteht oder umgekehrt, kann sich immer ein Partner ausgeschlossen fühlen.

Wenn Eltern sich dafür entscheiden als zweite Familiensprache die Umgebungssprache einzuführen, diese aber nur mangelhaft beherrschen, können die Kinder die Fehler nachahmen.

Nicht alle Sprachen sind gleichermaßen anerkannt. Hat eine Sprache ein geringes Sprachprestige (also entspricht sie nicht den ökonomischen, politischen und kulturellen Werten in einer Gesellschaft), kann es zu negativen Einstellungen gegenüber der Sprache kommen.

Wenn die Umgebungssprache einen starken Einfluss auf das Kind hat, kann es sein, dass sie zur "Muttersprache" des Kindes wird, während die Familiensprache auf den familiären Kontext beschränkt bleibt, und dabei zu kurz kommt. Das Problem der Halbsprachigkeit: Es kann vorkommen, dass ein Kind keine der beiden (oder mehreren) Sprachen richtig beherrscht, also keine Muttersprache hat.
Man muss aber berücksichtigen, dass viele Zweisprachige die eine oder die andere Sprache in Abhängigkeit zur Situation sprechen. So kann ein Zweisprachiger in bestimmten Situationen seine Sprache beherrschen, in anderen aber nicht.
Sprachverweigerung: Sprachen sind lebendig, nicht statisch. Sie verändern sich von Zeit zu Zeit. So kann sich je nach Lebensalter und Situation eine Sprache stärker als eine andere entwickeln. Das ist normal und noch lange kein Grund zur Sorge.

Kritisch wird es erst, wenn Kinder anfangen, eine Sprache komplett abzulehnen. Dafür kann es emotionale, soziale oder die Sprachbeherrschung betreffende Gründe geben.

Bei den emotionalen Gründen kann es sein, dass die Beziehung des Kindes zu einem Elternteil gestört ist. Da das Kind diesen ablehnt, kann es dazu kommen, dass es auch gleichzeitig dessen Sprache ablehnt, z. B. als eine Art Bestrafung.
Ein weiterer emotionaler Grund kann die negative Einstellung der Eltern oder der Umgebung zur Zwei- oder Mehrsprachigkeit sein. Das Kind spürt diese negative Einstellung und reagiert mit Sprachverweigerung. Als eines der sozialen Gründe kann das Sozialprestige einer Sprache genannt werden. Wenn eine Sprache ein geringeres Sozialprestige hat, können Kinder diese schlagartig verweigern. Sie schämen sich dann, diese Sprache zu sprechen.

Dies ist z. B. dann der Fall, wenn in einem deutschen Kindergarten oder in einer deutschen Grundschule, die ausländischen Kinder untereinander nicht in ihrer Muttersprache, sondern auf Deutsch sprechen. Die Sprache wird so als Zeichen der kulturellen und ethnischen Zugehörigkeit verweigert.

Manche Kinder empfinden ihre Zwei- bzw. Mehrsprachigkeit auch als Defizit. Sie wollen gerne so sein wie die anderen und nur deren Sprache sprechen. Eine Sprachverweigerung aus sozialen Gründen kann sich auch wieder verändern.

Manchmal möchten die Kinder und Jugendlichen sich durch ihre Sprachverweigerung an einen bestimmten Freundeskreis oder eine Clique anpassen oder sich emotional oder sozial von ihren Eltern unabhängig machen. Eine Sprachverweigerung in Bezug auf die Sprachbeherrschung kann vorkommen, wenn die schwache Sprache zu schwach wird, z. B. auf Grund mangelnder Übung oder Motivation. Dadurch kann die Verwendung dieser Sprache so anstrengend werden, dass Kinder sie verweigern. Verstärkt wird dies, wenn sie wissen, dass der Gesprächspartner auch die andere (starke) Sprache beherrscht.

Bestimmt lässt sich im Hinblick auf die Zwei- bzw. Mehrsprachigkeit noch der eine oder andere (subjektive) Vor- oder Nachteil finden. Grundsätzlich kann man sagen, dass die mehrsprachige Erziehung auf lange Sicht mehr Vor- als Nachteile bringt.

Wollen Sie weitere Informationen zur mehrsprachigen Erziehung? Dann besuchen Sie www.mehr-sprachig.de.

Geschrieben von Janet Gießl ( infomehrsprachig [at] googlemail.com )

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