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Dass der Einsatz von Herbiziden, Insektiziden und Fungiziden langfristig dem Rebberg, dem Menschen (Winzer und Konsumenten) und der Weinqualität schadet, ist heute unbestritten. «Als man in den 70er-Jahren mit dem Aufkommen der chemischen Mittel zunehmend mit Gesichtsmaske und Handschuhen im Rebberg arbeiten musste, wurde mir klar, dass dies nur eine Sackgasse sein kann», erinnert sich der Elsässer Bio-Pionier Jean-Pierre Frick. Viele Winzer klagen denn auch nach Pestizidspritzungen über Reizungen von Haut und Schleimhäuten, allergische Reaktionen, Rötungen, Juckreiz, Entzündungen der Atemwege und Reizhusten. Befürchtungen, dass bei einem langfristigen Umgang mit Pestiziden das Krebsrisko steigt, konnten bis heute nicht ausgeräumt werden.
Die verheerendsten Folgen hat der Pestizideinsatz für den Rebberg selber. Die chemischen Mittel liminieren nicht nur Unkraut, Pilze und schädliche Insekten, sondern auch viele Nützlinge. Als Folge davon gerät das ökologische Gleichgewicht im Rebberg zunehmend aus den Fugen. Mit immer neuen oder aber stärkeren Mitteln müssen die immer resistenter werdenden Schädlinge bekämpft werden. Wohin diese Negativspirale führte, zeigten schon die Untersuchungen des französischen Mikrobiologen Claude Bourguignon in den 80er-Jahren. Sein damals trauriges Fazit: In vielen französischen Rebbergen ist die bakterielle Aktivität des Boden geringer als diejenige des Sahara-Sandes.
Doch damit nicht genug: Die Pestizidduschen können auch das Grundwasser belasten. Diese Grundwasserproblematik wird noch verschärft durch den Kunstdünger. Auch dessen Einsatz ist eine weitere Folge der Negativ-Spirale im Rebberg. Weil die chemischen Mittel die Fruchtbarkeit der Böden schwer beeinträchtigen, müssen die Reben mittels Kunstdünger gewissermassen «künstlich ernährt» werden. Deren Einsatz kann aber den Nitratgehalt in Böden und Grundwasser erhöhen. Nitrat wird vom Menschen durch pflanzliche Lebensmittel und Grundwasser aufgenommen und ist selber nicht giftig. Es ist aber die Vorstufe des gesundheitsschädigenden Nitrits, das wiederum an der Bildung der krebserregenden Nitrosamine beteiligt ist.
Im kontrolliert biologischen Anbau kommen weder Pestizide noch Kunstdünger zum Einsatz. Die Begrünung mit Wildpflanzen, verschiedenen Kleearten (fördert die Stickstoffversorgung des Bodens), Senf, Malven, Ringelblumen usw. sorgt für eine natürliche Bodenfruchtbarkeit. Unterstützt wird diese durch die Beigabe von organischem Kompost (Stallmist, Hornspäne, Borsten, Federn, Pflanzenkompost, Traubentrester, Stroh usw.). Den durch Würmer und Mikroorganismen gelockerten Boden können die Reben gut durchwurzeln, um sich so Nährstoffe und Wasser zu erschliessen. Um die Widerstandsfähigkeit ihrer Reben zu stärken, spritzen Biowinzer oft Kaltauszüge von Brennnessel oder Ackerschachtelhalm.
Die Begrünung der Reben ist auch die Basis für einen natürlichen Pflanzenschutz beziehungsweise für ein sich selbst regelndes Ökosystem, in dem Nützlinge die Schädlinge unter Kontrolle halten. Ein Beispiel: Schädlinge wie die Rote Spinnmilbe oder die Gemeine Spinnmilbe werden im herkömmlichen Weinbau mit giftigen Insektiziden bekämpft. Leider eliminieren diese Chemikalien auch die Raubmilbe, obwohl doch gerade diese die unerwünschten Milbenarten vertilgen würde. In einem biologisch bewirtschafteten Rebberg dagegen reguliert sich das Milbenproblem von selbst.
Das grösste Problem im kontrolliert biologischen Weinbau ist der Falsche Mehltau (Peronospora). Da bis heute wirksame Alternativen fehlen, bekämpfen die Biowinzer diese bedrohliche Pilzkrankheit mit Kupferpräparaten. Kritiker des biologischen Anbaus bemängeln immer wieder, dass der Kupfereinsatz biologisch bedenklich sei, weil sich Kupfer im Boden nur sehr langsam abbaue und in manchen sauren Böden gar ein toxisches Niveau erreiche. Tatsache ist aber, dass der Kupfereinsatz im biologischen Anbau streng reglementiert ist (die Delinat-Richtlinien legen eine Höchstmenge pro Jahr und Hektar von vier Kilo fest). Unerwähnt bleibt auch oft die Tatsache, dass Biowinzer im Durchschnitt viel weniger Kupfer einsetzen als ihre konventionell arbeitenden Kollegen. Durch den Einsatz von modernen Wetterstationen ist es heute möglich, bei sich ankündigenden Nässeperioden vorbeugend kleinste Dosierungen von Kupferpräparaten zu spritzen. So lässt sich die jährlich benötigte Kupfermenge im besten Falle auf deutlich weniger als zwei Kilo pro Jahr und Hektar reduzieren. Zudem stehen heute erstmals wirksame Alternativen zur Verfügung. Gute Resultate liefern etwa aluminiumhaltige Gesteinsmehle, sogenannte Tonerdepräparate. Vieles deutet darauf hin, dass es den Biowinzern in naher Zukunft gelingen wird, die Kupferproblematik grundsätzlich zu entschärfen.
Bleibt eine entscheidende Frage: Ist der biologische Anbau nicht nur das Beste für die Gesundheit der Rebberge, sondern ist der Wein an sich auch gesünder als solcher aus nicht biologischem Anbau? Untersuchungen bestätigen, dass biologisch angebaute Weine gar keine oder aber weit geringere Pestizidrückstände aufweisen als konventionell angebaute Gewächse. Analysen des Forschungsinstitutes für biologischen Landbau im schweizerischen Frick (FiBL) ergaben, das Schweizer Bioweine fast durchwegs 20- bis 100-mal tiefere Pestizidrückstände aufwiesen als Nicht-Bioweine. Das auch in einzelnen Bioweinen geringste Spuren von Pestiziden nachgewiesen werden können, hat meist einen einfachen, traurigen Grund: Bioweinbau wird oft auf kleinen Parzellen betrieben, die unmittelbar an Rebberge angrenzen, die mit Pestiziden behandelt werden. Bei bestimmten Wetterbedingungen (Wind) kann die Abdrift beim Spritzen auch die Bioparzellen kontaminieren. Diese Gefahr ist dann besonders gross, wenn die Chemikalien per Hubschrauber versprüht werden, wie es in manchen Gebieten der Schweiz und Deutschland leider noch immer praktiziert wird.
Trotzdem: Wer kontrolliert biologisch angebauten Wein geniesst, darf sicher sein, dass die Gefährdung durch Schadstoffe um ein Vielfaches geringer ist als bei Nicht-Bioweinen. Zudem enthält Biowein mehr gesunde Substanzen. Weintrauben entwickeln als natürlichen Krankheitsschutz Resveratrol. Dieses wirkt beim Menschen antioxidativ und soll vor Krebs und Herzinfarkt schützen. In einer Pilotstudie haben die Wissenschaftler vom FiBL klare Hinweise dafür gefunden, dass Bioweine mehr Resveratrol aufweisen als andere.
Fazit: Wer sich für Biowein entscheidet, tut gleich in mehrfacher Hinsicht Gutes. Er fördert das Ökosystem Rebberg und verhindert, das Böden und Grundwasser mit Pestiziden und Nitraten belastet werden. Er gibt dem Winzer die Chance, seine Arbeit ohne für ihn gesundheitsbedrohende Chemikalien zu verrichten. Vor allem aber schenkt er sich selber «reinen Wein aus reinem Terroir» ein.
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